Einmal Nazi, immer Nazi?

erstellt von Björn Busmann |

Aussteiger Christian E. Weißgerber berichtet und füllt die Aula gleich zweimal.

 „Niemand muss Nazi sein, egal was er oder sie erlebt hat. Es ist stets eine eigene Entscheidung.” Dieses Zitat findet sich auf Christian Weißgerbers Homepage und ist Teil der Quintessenz seines Vortrages mit anschließender Diskussions- und Fragerunde.

Weißgerber macht vor Beginn seines Vortrages einen eher introvertierten, ja schüchternen Eindruck. Die Aula füllt sich bis auf den letzten Platz und als Christian Weißgerber seine ersten Sätze ins Mikro spricht, wird schnell klar, dass er es gewohnt ist, vor vielen Menschen zu reden. Er wirkt nun selbstsicher, sehr routiniert und äußerst redegewandt.  Dennoch bleibt der Eindruck, dass er auch jetzt weiterhin in sich gekehrt verbleibt. Der Blick geht zumeist entweder auf die Tischplatte vor ihm oder ins Ungefähre.

Er berichtet von seiner Kindheit. Geboren auf dem Gebiet der DDR, in Eisenach, im Jahr des sogenannten Mauerfalls, 1989. Seine Mutter verließ die Familie und floh vor dem Vater gen Westen, der Vater war gewalttätig gegen die Kinder. „Hört sich an, wie die klischeehafte Kindheit eines Nazis”, resümiert Weißgerber. Aber da kommt er auch schon zum zweiten Teil seiner Quintessenz: Die Klischees, die viele von Nazis haben, seien häufig grundverkehrt. Er berichtet von den Anfängen der Skinheadbewegung in England und von deutschen baseballschläger- und glatzenbewehrten Nazis. Weißgerber erläutert, dass das Klischee des tumben und ewig betrunkenen Nazis zutreffend gewesen sein und teilweise auch heute noch vorkommen mag. Weißgerber selbst studierte Philosphie, Kulturwissenschaft, Germanistik und Soziologie. Er kenne vor allem einen ganz anderen Nazitypus. Einen belesenen, informierten, redegewandten und intelligent operierenden Nazi. Der >>moderne<< Nazi trage keine Glatze, schlage keine Ausländer und verstecke seinen Rassismus hinter der Maske eines Ethnopluralisten, so der Ex-Nazi. Ethnopluralismus beschreibt eine Weltanschauung der sogenannten Neuen Rechten, die die kulturelle >>Reinhaltung<< von Gesellschaften propagiert. Eine solche Haltung sei in der Öffentlichkeit auch besser zu transportieren, käme weniger bedrohlich daher.

Er erklärt, dass die Rechte, dass der Faschismus sich schon immer hemmunglos bei anderen Ideologien, Philosphien und Religionen bedient habe und führt als Beispiel das Hakenkreuz an, dass seiner ursprünglichen Glückssymbolik im Hinduismus beraubt und ins Gegenteil verkehrt wurde. Umberto Eco, der berühmte italienische Schriftsteller, Philosoph und Semiotiker, hat das in seinem  Aufsatz „14 Merkmale des Urfaschismus” übrigens Synkretismus genannt. Darin beschreibt Eco, dass der Faschismus aufgrund fehlenden ideologischen Tiefgangs sich einfach bei anderen bediene müsse.

Weißgerber will seine Botschaft, will möglichst viele Informationen vermitteln.  Er schaut immer wieder auf die Uhr. Er sagt, dass nicht mehr viel Zeit verbleibe. Er sagt, man solle ihn über Facebook kontaktieren. Er  spricht schneller und schneller. Er verspricht sich dennoch nicht ein einziges Mal. Seine Formulierungen bleiben präzise. Er sagt, dass er ein äußerst diszipliniertes Leben geführt habe. Viel Kraft- und Kampfsport, kein Nikotin, kein Alkohol. „Viele Rechte trinken nicht. Sie bereiten sich auf die gesellschaftliche Übernahme und den damit einhergehenden Kampf vor. Jeder macht das, was er am besten kann. Einer organisiert Treffen und Veranstaltungen, ein anderer hält Kontakte zu Musikern und Verbänden. Ich selbst war Redner und Sänger”, sagt Weißgerber.

Das Publikum ist gebannt vom Bericht aus dem Inneren der Szene und beeindruckt vom Referenten.  Viele Informationen sind zu verarbeiten. Es fällt schwer, sich ein abschließendes Bild vom Vortragenden zu machen. Nachfragen werden gestellt: Warum er denn seinen Vortrag in Socken und mit ausgezogenen Schuhen halte? „Na, ich sage es mal so", sagt Weißgerber, „weil ich es kann!”